Die "Lilie" von Rio adoptierte 47 Kinder
In Rio ist die 48-jahrige Flordelis eine Beruhmtheit: Sie adoptiert im Jahr 2010 Kinder, um sie vor den Slums zu bewahren. Ein Film erzahlt nun ihre Geschichte.
Rio de Janeiro. Die StraBen in den Slums der Millionenstadt Rio de Janeiro sind beruchtigt fur ihre Gewalt – und eigentlich kein Platz fur Kinder. Trotzdem landen viele von ihnen genau dort, ob auf der Flucht vor hauslicher Gewalt oder weil sie ausgesetzt werden. Vor gut 20 Jahren adoptierte die Brasilianerin Flordelis Dos Santos eines dieser Kinder ohne Zukunft, weil sie das Elend nicht mit ansehen konnte. Inzwischen zahlen 50 Kinder zur Familie der attraktiven 48-Jahrigen und Flordelis ist eine Beruhmtheit. Ein Film erzahlt nun die Geschichte der „Lilie“ von Rio.
„Ich bin im Jacarezinho-Slum aufgewachsen und musste dort schreckliche Gewalt mit ansehen“, erzahlt Flordelis. „Eines Tages konnte ich einen 13-Jahrigen retten, den Drogendealer sonst umgebracht hatten. Das gab mir den Mut, weiterzumachen. Der Junge zog bei uns ein.“ Damals hatte Flordelis bereits drei eigene Kinder. Dann fand sie ein zwei Wochen altes Baby am Hauptbahnhof im Mull. „Ich habe das kleine Madchen mit nach Hause genommen.“
Das jungste Kind im Hause Dos Santos ist funf Monate alt, das alteste 35. Jedes bringt eine traurige Geschichte mit. Die 15-jahrige Rayane bezeichnet Flordelis wie selbstverstandlich als ihre Mutter: „Meine Mutter hat mich aufgenommen, als ich 15 Tage alt war. Sie fand die Frau, die mich zur Welt gebracht hatte. Sie hatte mich in einen Mulleimer geworfen, aber ich bin ihr nicht bose. Heute bin ich ein glucklicher Teenager.“ Viele der Jugendlichen entkommen dank Flordelis einem Leben als Drogenhandler oder Prostituierte.
„Die meisten Kinder auf den StraBen laufen vor hauslicher Gewalt weg, oft vor sexuellem Missbrauch“, betont Flordelis. „Wenn ein Kind auf der StraBe lebt, wurde es zuhause misshandelt. Es darf dann auf keinen Fall zu seiner Familie zuruckgeschickt werden.“ Die geltenden Gesetze bezeichnet sie als „archaisch“. Einmal nahm sie eigenen Angaben zufolge ein Neugeborenes mit zwei gebrochenen Beinchen auf. Als sie es dem Vater zwei Jahre spater auf Anweisung der Behorden zuruckgeben musste, warf dieser das Kind wenige Tage spater aus einem Fenster, weil ihm sein Schreien auf die Nerven ging. „Da habe ich mich schuldig gefuhlt.“
An einem Tag im Jahr 1994 nahm Flordelis mit ihrem Mann 37 Kinder auf, darunter 14 Babys. Einige der Kinder hatten selbst um Hilfe gebeten. „Damals wollte das Gericht mir die Kinder wegnehmen und sie in Waisenhauser geben“, erzahlt Flordelis. „Also bin ich abgehauen.“ Als gegen sie ein Haftbefehl wegen Entfuhrung erlassen wurde, schaltete die streitbare Frau die Medien ein. Die Kinder setzten sich offentlich fur sie ein und so erhielt die Familie Unterstutzung von einem Anwalt und der Wohltatigkeitsorganisation Instituto Crianca. Als der Richter zu ihren Gunsten urteilte, war dies der Durchbruch fur die GroBfamilie. Nun zahlt das Instituto Crianca die Miete fur ein Haus auBerhalb der Slums.
Anfang Oktober 2010 kam der Film „Flordelis“ in die brasilianischen Kinos. Die Filmmusik konnte vom elfjahrigen Adoptivsohn Daniel kommen, der vom Pianisten einer nahegelegenen Kirche Klavierspielen lernte. Beethovens „Ode an die Freude“ oder „Love Story“ beherrscht er schon.