Grenzenloser Kinderwunsch

Eigentlich lauft eine Adoption 2011 in Deutschland uber die Landesjugendamter. Doch eine Rechtslucke ermoglicht es Eltern, am Jugendamt vorbei aus dem Ausland zu adoptieren.

Zusammengewurfellte Familie: Xenia, 10, und Jakob, 7, mit ihren Adoptivgeschwistern Emma, 4, und Till, 3 (von oben). Nur die zwolfjahrige Pauline ist nicht zu sehen.

Heimweh, das ist fur Emma nur ein trauriges Gefuhl der Sehnsucht, fur das sie in ihrem vierjahrigen Leben noch keinen Namen hat. "Was ist das, Heimweh?", unterbricht sie deshalb ihren Vater, der erzahlt, dieses habe die Familie kurzlich von Ulm nach Bonn zuruckgetrieben. "Heimweh, das ist, wenn man zuruck nach Hause will, zu Mama und Papa", erklart Peter Stratmann ihr daraufhin.

Wenn Emma ein wenig alter ware, wurde sie bei dem Satz wohl zusammenzucken, so doppeldeutig ist er. Emma ist adoptiert. "Zuruck nach Hause" kann fur sie das Haus in Bonn mit den vier Geschwistern und dem schonen Garten sein. Aber es konnte auch irgendeinen Ort in Philadelphia meinen, an dem das schwarze Kind geboren wurde.

Und bei "Mama und Papa" denkt Emma an Inga Sonnenschein und Peter Stratmann, beide 45 Jahre alt, die sie seit ihrem elften Lebenstag als Eltern kennt. Mama und Papa konnten aber auch zwei Fremde in den USA sein, von denen sie nur weiB, was kein Kind von den Eltern wissen will: dass sie es nicht behalten wollten oder konnten.

"Der Vater ist unbekannt, von der Mutter wissen wir nur, dass sie mit 22 Jahren vier Kinder von vier Mannern hatte und dass sie sehr arm und ohne festen Wohnsitz war", erzahlt Inga Sonnenschein aus dem Leben, in das Emma hineingeboren wurde.

Von den Zitronenmuffins auf dem Tisch und den Malstiften, von ihrem Pluschhund und vom Kuscheln auf dem SchoB der Mutter hatte Emma in den USA vielleicht nur traumen konnen.

Trotzdem sind Eltern wie Inga Sonnenschein und Peter Stratmann vielen Adoption 2011sexperten ein Argernis. Denn statt Emma, wie gesetzlich vorgesehen, uber ein deutsches Landesjugendamt oder eine hier anerkannte Vermittlungsstelle zu adoptieren, haben sie sich auf eigene Faust in den USA auf die Suche gemacht.

Dort hat sich das Paar an eine Adoption 2011sagentur gewandt, binnen weniger Monate ein Baby vermittelt bekommen und sich in den USA als Eltern eintragen lassen - gleich zwei Mal: Erst bei Emma, ein Jahr spater holten sie den heute dreijahrigen Till. Sie nennen das so: "holen". Die beiden auslandischen Adoption 2011sbeschlusse haben auch in Deutschland Wirkung.

"Eine problematische Rechtslucke", kritisiert Jorg Reinhardt von der Zentralen Adoption 2011sstelle im Bayerischen Landesjugendamt. Denn wie die Adoption 2011 im Ausland ablauft, wo das Kind herkommt und was danach mit ihm geschieht, konne niemand prufen. Der Vorgang gehe komplett an den Jugendamtern vorbei. "Da werden dem Kinderhandel Tur und Tor geoffnet", sagt der Familienrechtler. AuBerdem bliebe die Vorbereitung und Uberprufung der Eltern vollig auf der Strecke.

Zwei Jahre Wartezeit sind normal

Seit in Deutschland kaum noch ungewollte Babys geboren werden, adoptieren immer mehr Eltern aus dem Ausland. Um jedes deutsche Kind, das zur Adoption 2011 steht, bewerben sich zehn Paare - bei auslandischen existiert eine solche Konkurrenz nicht. Doch auch fur diese mussen sich Bewerber inzwischen auf etwa zwei Jahre Wartezeit einstellen. Folgen sie dem vorgeschriebenen Weg, haben sie erst ein halbes Jahr lang mit dem Stadt- oder Kreisjugendamt zu tun.

Sofern sie dafur geeignet gehalten werden, konnen sie danach bei einem Landesjugendamt oder einer staatlich autorisierten Agentur vorstellig werden, die die Adoption 2011 vermitteln. So will es die Haager Konvention, ein internationales Abkommen zur Sicherung des Kindeswohls bei Adoption 2011en, die Deutschland 2002 ratifiziert hat.

2010 Vielen Eltern aber dauert dieses Procedere zu lange. Wie Inga Sonnenschein und Peter Stratmann haben sie langst gemerkt, dass Adoption 2011en sich in Deutschland auch leicht am Amt vorbei organisieren lassen. "Platt ausgedruckt funktioniert das so: Sie gehen ins arme Ausland, holen sich ein Kind und stellen den deutschen Standesbeamten vor vollendete Tatsachen", sagt Maria Holz von der Kinderschutzorganisation Terre des Hommes.

Gangig sei auch, dass ein Mann im Ausland die Vaterschaft fur ein Kind anerkenne, es nach Deutschland bringe und dort von seiner Frau adoptieren lieBe. Im Jahr 2010 wurden 49 Prozent der AuslandsAdoption 2011en privat abgewickelt. Gesetzlich ist das zwar nicht vorgesehen, aber auch nicht explizit verboten - und damit erlaubt, so die zustandigen Ministerien.

"Der GroBteil will mit der Adoption 2011 Gutes, darum wollen wir die Rechtslage nicht andern", heiBt es im Bundesfamilienministerium. Isabel Jahn aus dem Bundesjustizministerium fugt hinzu: "Jeder auslandische Adoption 2011sbeschluss muss in Deutschland vom Vormundschaftsgericht bestatigt werden. Dieser strenge Filter schlieBt Missbrauch aus."

Diese These erstaunt Jorg Reinhardt, den Experten aus dem Bayerischen Landesjugendamt. Denn wie er aus dem Aufsatz eines Referenten im Bundesamt fur Justiz zitiert, werden gerade mal vier Prozent der Anerkennungsantrage abgelehnt. "Soviel zum strengen Filter", sagt er. Was ihn noch mehr argert: "Das Einholen des Richterspruchs ist fakultativ, in der Praxis reicht der standesamtliche Eintrag ins Familienbuch." So sind auch Emma und Tills Eltern vorgegangen.

Diese laxe Handhabe passt zur Philosophie des Justizministeriums, wonach auslandischen Adoption 2011sbeschlussen ohnehin nicht allzu misstrauisch begegnet werden sollte - schlieBlich kame ja kein Kind nach Deutschland, ohne dass die Adoption 2011 im Herkunftsland fur rechtens erklart wurde. "Dies wollen wir nicht pauschal fur ungultig erklaren. Im Ausland wird auch gut gearbeitet", meint Isabel Jahn.

Sie denkt dabei wohl an Adoption 2011en wie die der Bonner Eltern, die ihren Kindern eine gute Zukunft bieten, die in einem geordneten Rechtsstaat uber eine anerkannte Stelle adoptiert haben. Sicherlich denkt Jahn aber nicht an Falle wie den des siebenjahrigen Brasilianers, den ein Paar aus dem bayerischen Furstenfeldbruck nach der abschlagigen Beurteilung seiner Adoption 2011sfahigkeit im Alleingang nach Deutschland holte - kurz bevor es sich trennte und den Jungen ins Heim gab.

Auch nicht an Vereine wie die franzosische "Arche de Zoe", die vermeintliche Waisen aus dem Sudan nach Europa bringen wollte - und kurz vor Abflug herauskam, dass deren Eltern noch lebten.

Erst recht denkt man im Ministerium wohl nicht daran, was Psychologen wie die Wiesbadenerin Irmela Wiemann betonen: "Adoptivkinder haben durch die fruhe Trennung von der Mutter mit vielen Belastungen zu kampfen und sind seelisch tief verletzt", beobachtet die Spezialistin fur Pflege- und Adoptivkinder immer wieder. Hinzu kame die bohrende Identitatsfrage: Warum wurde ich weggegeben?

Zeitnot bei den Jugendamtern

"Aber eine Identitatskrise macht jeder mal durch", meint Peter Stratmann, der Vater von Emma und Till. DrauBen ist es jetzt dunkel, ein Kind nach dem anderen kommt nach Hause, erzahlt vom Sport, vom Flotenunterricht, von Freunden. Till hat heute Fahrradfahren gelernt und tanzt um den Tisch, den Helm noch auf dem Kopf, er sieht aus wie ein sehr gluckliches Kind.

Dennoch raumen selbst seine Eltern ein: "Naturlich ware eine Uberprufung der Adoptierenden gut." Kurzlich etwa habe sie ein Paar besucht, das sehen wollte, so hatte es angekundigt, ob es "uberhaupt Gefuhle zu schwarzen Kindern" aufbauen konnte. "Da erschrickt man schon", sagt Stratmann. Allein: Seiner Meinung nach kommen einige Jugendamter bei Adoption 2011en ihrem Auftrag nicht nach - "aus Zeitnot, Inkompetenz oder Unwillen". Als Bewerber wurde man wie "ein potentieller Kinderhandler" begruBt. Das Abwenden lage da nahe.

"Es fallt uns in der Tat schwer, etwas gegen PrivatAdoption 2011en zu unternehmen, solange die Jugendamter personell und finanziell nicht besser ausgestattet sind", sagt Miriam GruB (FDP), Vorsitzende der Kinderkommission im Bundestag. Sie sieht die "rechtliche Grauzone" der unbegleiteten Adoption 2011en mit Sorge: "Das Kindeswohl steht dabei nicht immer an erster Stelle."

Die skandinavischen Lander, Italien und Kanada haben PrivatAdoption 2011en darum bereits verboten. Zwar konnen sie gut ausgehen, wie bei Emma und Till. Genauso kann es aber misslingen, wenn sich Paare in Eigenregie Nachwuchs besorgen. Fur die Eltern ist das schlimm. Fur das Kind aber ist es eine Katastrophe.